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Das Jahr magischen Denkens

Und Jesus fragte die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Wo ist euer GlaubeMarkus 4, 40

Am 25. Dezember 2003 wird Quintana Roo Dunne Michael auf die Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses eingeliefert. Die Symptome einer Grippe weiten sich rasch zu einer Lungenentzündung und einem septischen Schock aus. Die Eltern bangen um ihr Leben. Am 30. Dezember 2003, kaum vom Besuch im Spital zurück, erleidet der Vater von Quintana einen Herzinfarkt und stirbt. 

Zwei Jahre später erscheint 'Das Jahr magischen Denkens' (The Year of Magical Thinking). Darin beschreibt die bereits in den 70-er Jahren durch ihre Essays bekannt gewordene Schrifststellerin Joan Didion die Trauer um ihren Mann und die Sorge um ihre Tochter. Die leere Wohnung nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens, die endlosen Gedankenketten und Achterbahnfahrten des Gefühls, sie verdichten sich  immer wieder zur Einbildung, sie hätte ihren Mann retten können und müssen. Indem sie alles so belässt, dass für den Toten eine jederzeitige Rückkehr möglich bleibt, stemmt sie sich gegen die neue Realität. Gemeinsame Erlebnisse und zusammen besuchte Örtlichkeiten werden zu Erinnerungsfallen, die immer wieder in die Frage münden, ob andere Entscheidungen dazu hätten führen können, dass es anderes gekommen wäre.

Am Ende gelingt es Didion, sich von der Trauer um den verstorbenen Mann zu lösen. Sie begreift, dass keine ihrer Taten den chronisch Herzkranken hätte retten können, keine ihrer Unterlassungen schuld an seinem Tod ist. Sie fühlt, dass sie den Toten loslassen muss, um selbst weiterzuleben. Am 31. Dezember 2004 blickt Didion zum ersten Mal auf ein ganzes Jahr zurück, an dem sie keinen einzigen Tag gemeinsam mit ihrem Mann verbracht hat. Ihre Bezeichnung für das Jahr gibt dem Buch den Titel: Das Jahr magischen Denkens. (Quelle: Wikipedia)

Ich erinnere mich an das ergreifende Buch, als ich in der Zeitung vom Samstag einen Artikel lese, der mit dem Lebensmotto von Pippi Langstrumpf überschrieben ist:
Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
(NZZ, 16.1.2021, S. 39)
Darin beschreibt Soziologe und Sozialpsychologe Tilman Allert die Immunisierungsstrategien der Coronaleugner gegenüber Tatsachen. Mit dem Begriff Verschwörungstheorie seien diese nicht richtig erfasst, meint er, vielmehr handle es sich um eine Form magischen Denkens. Mit magischem Denken suchen Menschen in schicksalhaften Lebenssituationen nach klaren Zurechnungen. Klarere als es der Komplexität entspricht. (,Wenn das erste Auto, das vor dem Fenster vorbefährt, von links kommt, bin ich in Mathe genügend,' sagt sich der Schüler am Pult.) Ein gigantisches Spiel mit Varianten der Kausalität nannte ein Ethnologe im 19. Jahrhundert das magische Denken.

,Ich glaube nicht an die Impfung,' höre ich gegenwärtig recht oft und bin immer noch jedes Mal frisch befremdet, dass das in Gestalt eines Glaubensbekenntnisses daher kommt.(,Ich auch nicht, habe ich deshalb schon geantwortet. ,Ich glaube an Gott.') Ich erinnere mich, dass es vor einem guten halben Jahr die Maske war und vor knapp einem Jahr das Virus. Oder die App. ,Glaubst Du daran?' Dabei geht es im Grunde jedoch nicht um diese Dinge, denke ich, sondern um die demokratischen und wissenschaftlichen Institutionen, die darüber Kenntnisse und Empfehlungen verbreiten. Können wir ihnen vertrauen?

Das jedoch ist keine religiöse, sondern eine rationale Frage. Und es führt zu einem heillosen Durcheinander, wenn man das eine 'Glauben' neben das andere setzt. Dass das gerade in besonders ,religiösen' Kreisen - ob nun esoterisch, patriotisch oder freikirchlich - oft geschieht, verwundert nicht. Die Reichweite von Rationalität ist dort oft von Beginn an eingeschränkt. 

Die Vertrauenswürdigkeit von Institutionen ist keine religiöse, sondern eine ganz und gar rationale Sache. Sie hat mit Transparenz, Unabhängigkeit, Selbstkritik und Partizipation zu tun. Sind sie zuwenig vertrauenswürdig, wendet man sich in einem demokratischen Gemeinswesen nicht von ihnen ab, sondern wirkt mit, sie in diesen Bereichen zu stärken. Das BAG ist nicht Facebook. Das Institut einer Universität kein Parteibüro. Dieses Vertrauen ist keine Sache des Glaubens, sondern des Bürger*in-Seins. 

Vielleicht hat das Misstrauen mancher mehr mit Denkfaulheit (oder Dummheit), einem schwachen Demokratieverständnis oder mit Narzissmus (,Ich trau nur mir selbst.') zu tun, als ihnen lieb ist. Und das wäre dann irgendwie noch viel erschreckender. 

,Magisches Denken' ist in Krisenzeiten grundmenschlich. Normalerweise erwacht man nach einer gewissen Zeit daraus. Joan Didion hat ein Jahr gebraucht. Man braucht seinen Schutz dann nicht mehr. ,Glaube' ist nicht magisches Denken. Ich heble damit nicht den Verstand aus. Er ist auch ein Gottesgeschenk. Ich bin gespannt, wann das in dieser Zeit magischen Denkens soweit ist und man an das Impfen nicht mehr glauben muss, sondern man es einfach tut, weil man erkennt, dass es vernünftig ist.

Was ist Glauben?

Glauben ist unbedingtes Vertrauen.
Er vertraut nicht auf dieses oder jenes in der Welt,
sondern auf den Grund der Welt.
Glauben schafft Vertrauen ins Leben,
zu anderen Menschen
und zu sich selbst.

(Gerd Theissen, Glaubenssätze, München 2012, Frage 194)

philipp.roth@erk-bs.ch
Kirchgemeinde Kleinbasel

 

 

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