Direkt zum Hauptbereich

Kopfstossquerlüften


Alles, was Atem hat, lobe den
Herrn
. Hallelujah. Psalm 150, 6

,Mehr Licht!' sollen Mozarts letzte Worte gelautet haben.
Heute würden sie wohl lauten: ,Mehr Luft!' 

2020 feiern wir das erste Weihnachtsfest im Zeichen des Stosslüftens.
 

Auf einer Ratgeberseite lese ich, wie das geht:

  1. Man sollte immer direkt lüften, nachdem einer der Anwesenden gehustet oder geniest hat.
  2. Ein gekipptes Fenster reicht nicht aus. Stattdessen sollte man das Fenster weit öffnen. Dies ist das sogenannte Stosslüften.
  3. Im Idealfall sollte zusätzlich quer gelüftet werden, indem man durch das Öffnen mehrerer sich gegenüberliegender Fenster oder Türen einen Durchzug erzeugt. So wird verbrauchte Luft am schnellsten ausgetauscht.

,I can't breathe!' waren George Floyds letzte Worte.

Noch stickiger als die Wohnung empfinde ich zurzeit den Kopf.
Wie ich zuhause Durchzug mache, ist mir klar.
Das Stoss- und Querlüften im Oberstübchen aber ist in diesen nervösen Tagen besonders anspruchsvoll.
Wie geht Kopflüften ohne die Begegnungen und Kontakte?

Ich lese Punkt 3 heute jedenfalls wie eine Anleitung zu einem Gesprächskreis oder einem Sonntagscafé nach dem Gottesdienst. Und merke, wie das fehlt.

Verfolgt man die nationalen und internationalen Querelen und Quängeleien, so wäre ein grossangelegtes Kopfstoss- und -querlüften jedenfalls eine erfrischende Sache. Aber offenbar gilt auf der Insel das Lüften bereits als ,very german'. Man staunt nicht nur über die elaborierten Fenster auf dem Kontinent, sondern macht sich auch darüber lustig, dass Lüften für alles gut sein soll: Gegen schlechte Luft, gegen schlechte Gerüche, für Sauerstoff am Morgen, gegen Schimmel- und nun auch gegen das Virus. Fehlt nur die schlechte Laune.

Die Sonne scheint durchs Fenster. Ich entschliesse mich, es sperrangelweit zu öffnen. Und dann nach einer Runde Stoss- und Querlüften nach draussen zu gehen und zu singen (natürlich nicht zu laut, ich weiss... 😔)
,Gott gab uns Atem, damit wir leben' (RG 841)

philipp.roth@erk-bs.ch
Kirchgemeinde Kleinbasel

 


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Alles was Odem hat

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn . Hallelujah.  Psalm 150, 6 9330 Menschen tun das, Stand heute, nicht mehr. Allein in der Schweiz. Allein wegen Covid-19. Am Freitag jährte sich der erste Pandemie-Todesfall in unserem Land. Die Glocken läuteten. Manche hielten inne und sprachen ein Gebet. Ein trauriger Moment in einer nervösen Zeit. ,Atem' steht in vielen Sprachen und Religionen für das Leben selbst. Das Virus, das die Welt ,in Atem hält', nimmt den Menschen tatsächlich diesen. Es greift die Lungen an.  Der Gedanke, dass die Pandemie im gleichen Jahr erschien, als George Floyd mit den Worten 'I can't breathe' unter Polizeigewalt starb, berührt mich jedesmal, wenn er mir kommt. Es begann mit den Buschfeuern in Australien, das unzählige Lebewesen erstickte und Menschen hustend in Seen trieb, um dem gleichen Schicksal zu entgehen. In Brasilien brannten Wälder und Grasland mit viel klareren Ursachen. Und in Californien trieben Feuer und Wind Rauch und Asche tausende ...

Traummaschine

  Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt müssen wir doch feiern und uns freuen. Lukas 15, 31f Vor Weihnachten. Anstehen mit Abstand. In der Freien Strasse lange Schlangen vor dem Louis Vuitton Shop, dem New Yorker und dem Apple Store. Wofür bin ich bereit, wie lange zu warten? Ich reihe mich in die Reihe vor den Fotoautomaten ein. Es stehen gleich mehrere Geräte nebeinander. Man lädt seine Bilder vom Handy oder einem Speichermedium auf den Bildschirm, wählt aus und startet die Bestellung. Und wartet. Im Minutentakt spuckt die Maschine die Bilder aus. Beschleunigen geht nicht. Ein Clique junger Frauen bringt sich selbst auf Weihnachtskarten. Bilder vom Strand und in Abendkleidung. Ein junger Mann war schon an einem Gerät, als ich kam. Und ist es auch noch, als ich gehe. Er scheint Vater geworden zu sein. Das neugeborene Wunder und seine Mutter in allen Varianten. Maria mit Kind 2.2. Wundern so...