Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde.
Er zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49
Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Einsamkeit und isolierende Enge in einer Raumstation erfahren.
Ich bleibe an dem Wort "Familie" hängen. Meine Familie und ich sind durch die Grenzziehungen im öffentlichen wie im privaten Bereich – Stichwort: "social distancing" – getrennt. Ostern steht vor der Tür, aber unsere festliche Zusammenkunft muss dieses Jahr ausbleiben, technische Überbrückungsangebote wie Skype sind nur unzureichende Krücken für die Begegnung "en famille".
Gerade als Jesus zu einer Menschenmenge spricht, wird ihm von der Ankunft seiner Familie berichtet. Er reagiert unerwartet auf diese Nachricht und fragt in die Runde: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Wie ist es möglich, dass einer seine Mutter, seine Familie nicht kennt? Freut man sich nicht, wenn die Familie zu Besuch kommt? Und dann erst Jesus? Ich höre die Stille, die über der Szene liegt, alle HörerInnen halten die Luft an. Jesus löst die Spannung. Er hält die Hand über seine Jünger und antwortet: Die den Willen des Vaters in den Himmeln tun – das sind meine Brüder, Schwestern und meine Mutter. Ich lerne: Jesus hat einen anderen Familienbegriff. Die Jünger haben offensichtlich etwas richtig gemacht, sie gehören zur Familie Jesu. Nicht die Blutsbande machen die Familie aus, sondern in familiärer Gemeinschaft verbunden sind die, die den Willen des Vaters tun.
In diesen Worten lebt die grosse Freiheit wie sie auch eine kompromisslose scharfe Linie ziehen. Grenzt Jesus da nicht aus?
"Freiheit" hören all diejenigen, die mit ihrer biologischen Familie nicht so gute Erfahrungen gemacht haben, oder sich nach Konflikten losgesagt, auseinandergelebt haben. Manche Freundin oder Nachbar ist näher, seelenverwandter als Schwester oder Vater. Ob Lebensstil, Weltanschauung oder Freizeitaktivitäten verbinden - es gibt viele Gründe sich selbst eine "Familie" ausserhalb der Familie zu suchen.
Familie – auch verstanden im übertragenen Sinn auf Gruppen wie Bürogemeinschaften, Parteien, Clubs, Sportvereine - kann durchaus einengen. Wenn Gemeinschaften Wagenburgen bilden gegen andere, sind Menschen innerhalb des eigenen Kreises "gleicher" als andere. Diese Denkstruktur grenzt aus. Wir kennen sie mit vielen Fratzen: Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Konfessionalismus… Jesus denkt hingegen, ganz jüdisch, vom Willen Gottes her. Gemeinschaft wächst im gemeinsamen Tun des Richtigen.
Unsere Gemeinschaft und die persönliche Freiheit erleben gerade einschneidende Massnahmen. Die Schweiz ist stolz, ein demokratischer, förderalistischer Staat zu sein und sieht sich dennoch gezwungen, zum Wohle aller, seine BürgerInnen in Isolation zu schicken. Die Rechtfertigung hierfür liegt aktuell in der besonderen Situation: Wir haben noch keine Mittel zur Hand, die wir der Bedrohung des Virus entgegensetzen können. Aber laufen wir nicht Gefahr, Verantwortung abzugeben, uns darein zu schicken, dass der Staat immer mehr Entscheidungen für uns trifft? Wann hört da "Wohlsein" auf und welche Alternativen bieten sich? Wo können wir einwirken etwas be-wirken?
Einem freien Willen zu folgen, eine freie Wahl zu haben – fraglich, ob es das überhaupt gibt, klingt sehr verlockend. Aber gehört zur Freiheit nicht auch, die alleinige Verantwortung für mein Tun und Lassen zu tragen? Und wie treffe ich meine Wahl, was gibt mir Orientierung? Renne ich dem mainstream hinterher? Oder nehme ich mir die Zeit und erlaube mir eine eigene Meinung? Gerade jetzt haben wir die Möglichkeit, nicht nur die Titel der Zeitung zu überfliegen, sondern auch die Gedanken, Analysen und Vorschläge der JournalistInnen zu durch-denken. Und vielleicht auch wieder die Losungstexte dazu am Morgen lesen und mit Bibellektüre vertiefen.
Jesus zieht eine kompromisslos scharfe Linie, weil es für ihn keine Graubereiche gibt: Ein bisschen das Kreuz auf sich nehmen geht nicht. Entweder die JüngerInnen - haben die Bergpredigt gehört, verstanden und begeben sich gemeinsam auf den Weg der Nachfolge oder wir sind nicht dabei, gehören nicht zur Familie Jesu. Grenzt Jesus da nicht aus?
Ich sehe es als ein Angebot an uns alle. Wir alle sind Brüder, Schwestern, Mutter für und von Jesus, wenn wir dem sanften Joch seines himmlischen Vaters folgen. Jesus weiss, dass wir uns schwertun. Nachfolge, das "Tun der Gerechtigkeit" fordert uns in unserem Alltag heraus.
Solidarität mit den Schwachen und Ausgegrenzten (Obdachlose, MigrantInnen) zeigen, Nächstenliebe (Kranke, Einsame) üben, sich nicht in Sorge um das eigene Wohl ("Hamsterkäufe") verzehren. Stattdessen: Auf den Schatz im Himmel blicken. Nachfolge ist der Weg zu diesem Schatz. Begeben wir uns mit freiem Willen, in freier Wahl auf gemeinsame Entdeckungsreise und finden heraus, was Glaube vermag, welche grossen und kleinen, weiten und engen Verbindungen in der uns geschenkten Freiheit geknüpft werden können. Die Freiheit, die Jesus uns zugesprochen hat, nimmt uns nicht die Luft, öffnet unsere Gedanken, begrenzt uns nicht, sondern lässt uns unsere Talente nutzen und weitet unsere Seele. Diese Freiheit entfaltet und fördert, stärkt und entwickelt. Das ist der Stoff, der jede Quarantäne nicht nur zu überwinden, sondern zu sprengen vermag.
Soviel aus meiner "Schreibtisch-Quarantäne".
Sabine Mäurer
E-Church: Am kommenden Sonntag, 10:00, folgt ein Gottesdienst aus der Dorfkirche Kleinhüningen. ,Palsonntag im Sturm', mit Daniel Frei, Ref Pfarramt für Weltweite Kirche BL/BS.
Frühere ,Sendungen' sind bereits auf unserem Youtube-Kanal eingestellt.
Einander im Ohr: Unsere Playlist ist online. Man kann hören, was andere dieser Tage hören. Und hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch
Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktualisiert hier.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen