Direkt zum Hauptbereich

Zeit verbringen


,Die Liebe glaubt alles. Hofft alles. Hält allem stand…’ (1. Korinther 13, 7) 

Weiss nicht, wann ich je schon so viel zuhause war.
Die Kontakte sind weniger.
Das auf sich selber und aufeinander geworfen Sein ist mehr.  

Zadie Smith, Schriftstellerin und Mutter im New Yorker Lockdown, beschreibt, wie sie in der Enge um den ,Raum für sich’ kämpft, um endlich das tun zu können, was sie denkt, tun zu ,müssen’.
Doch endlich erstritten, fühlt sich dieser Raum mit einem Mal so leer an.
In diesem Moment begreift sie, was ihre Kollegin, Ottessa Mosfegh, Ende April in einem Essay so zusammengefasst hat:  ,Leben ohne Liebe ist nur ,Zeit verbringen’.’ 

,Wenn sie nicht präsent ist, in irgendeiner Form, irgendwo in unseren Leben,’ schreibt Smith, ,dann bleibt tatsächlich nur noch Zeit, und davon wird es immer zuviel geben. Geschäftigkeit wird ihr Fehlen nicht verstecken können. Selbst wenn du jeden Moment, den Gott gibt, von zuhause arbeitest, dann wird sich doch die ganze Zeit, ohne Liebe, leer und endlos anfühlen.’ (Zadie Smith, Intimations, p. 24).

Die einen empfinden zZ besonders die Enge, die anderen die Isolation.
In beidem Wege für das zu suchen, was die Zeit erst erfüllt, ist jetzt besonders anspruchsvoll.
Und vielleicht auch besonders verheissungsvoll.

Philipp Roth


philipp.roth@erk-bs.ch
Kirchgemeinde Kleinbasel

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Badehosenzeit

Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!  1.Korinther 11, 23 Ich kann gut damit leben, dass es in diesem Jahr keine Strandferien gibt. Meine Sache war die Fleischschau nie. Doch was erlaubt mehr, einfach mal Körper zu sein? Ich habe das Bild vor Augen, wie die Briten den Strand von Brighton stürmten. Strandsardinen statt social distancing. ,Als hätte es Corona nie gegeben,’ titeln die Zeitungen. Ich denke: ,Als hätte Corona alle ausgehungert.’ Man muss einander mal wieder spüren. Man muss sich mal wieder spüren. Wir sind nicht virtuell. Sommerferien sind Körperferien. Mit den Konfirmand*innen 21 besuchen wir den Seilpark in Lörrach. Turnen, Klettern, Lachen, Kreischen. Menschsein mit Haut und Haar. Am Tag darauf sitzen wir vor dem Isenheimer Altar in Colmar. Der Gekreuzigte als reiner Körper – totes Fleisch, drastisch zur Schau gestellt. Links des Toten verzweifeln Maria, Johannes und Maria Magdalena. Rechts zeigt der lange Finger Johannes’ des Täufers a...

Das Jahr magischen Denkens

Und Jesus fragte die Jünger : »Warum habt ihr solche Angst? Wo ist euer Glaube ?« Markus 4, 40 Am 25. Dezember 2003 wird Quintana Roo Dunne Michael auf die Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses eingeliefert. Die Symptome einer Grippe weiten sich rasch zu einer Lungenentzündung und einem septischen Schock aus. Die Eltern bangen um ihr Leben. Am 30. Dezember 2003, kaum vom Besuch im Spital zurück, erleidet der Vater von Quintana einen Herzinfarkt und stirbt.  Zwei Jahre später erscheint 'Das Jahr magischen Denkens' (The Year of Magical Thinking). Darin beschreibt die bereits in den 70-er Jahren durch ihre Essays bekannt gewordene Schrifststellerin Joan Didion die Trauer um ihren Mann und die Sorge um ihre Tochter. Die leere Wohnung nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens, die endlosen Gedankenketten und Achterbahnfahrten des Gefühls, sie verdichten sich  immer wieder zur Einbildung, sie hätte ihren Mann retten können und müssen. Indem sie alles so belässt, dass für den Tot...