Direkt zum Hauptbereich

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben

 

In Rainer Maria Rilkes schönem Gedicht ‘Herbsttag’ ist die letzte Strophe grausam und schrecklich aktuell:

,Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben /wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben /
und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.’

Isolation ist zu einem gesundheitspolitischen Werkzeug geworden und beschreibt doch zuerst und vor allem eine menschliche Not. (In Gefängnissen ist Isolation eine Verschärfung der Haft.)

Es bedrückt mich, dass die sich abzeichnenden notwendigen neuen Corona-Massnahmen die Isolation der Einsamen weiter verstärken werden.
Besuchsverbot im Altersheim. Homeoffice im Singlehaushalt. Onlineuni für die beziehungshungrigen Erwachsenwerdenden. Sport- und Tanzverbot für die ohnehin Bewegungsarmen…

Es ist mir wichtig, umso mehr einander und anderen Kirchenfamilie und Menschenverbundenheitsnetz sein zu können.

Franziska Kuhn, meine Kleinbasler Pfarrkollegin, lässt mir ein Schutzplakat ,für die Seele’ zukommen. Ich hefte es mir an die Herzenstür. Anti-isolationistische Zeichen sind jetzt wichtiger denn je. Gemeinde ist zutiefst anti-isolationistisch. Und freue mich auf jede kommende Begegnung diese Woche – vor Ort oder vermittelt.

Philipp Roth

philipp.roth@erk-bs.ch
Kirchgemeinde Kleinbasel

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

liedlos glücklich?

Tragt euch gegenseitig Psalmen und Hymnen und geistliche Lieder vor. Singt für den Herrn und preist ihn aus vollem Herzen !  Epheser 5, 19 Ich warte gerne mit einem Blog, bis sich die Gedanken etwas gesetzt und geklärt haben. Diesmal gelingt es nicht. Ab Pfingsten dürfen wir uns wieder in der Kirche zum Gottesdienst versammeln. Noch ist nicht entscheiden, wie das bei uns konkret aussehen wird. Noch ist auch nicht entschieden, ob das, was dann stattfinden kann, sich annähernd so anfühlen wird, wie das, was mal war. ,Der Weg zurück ist schwieriger als der Weg heraus,' ist bereits ein geflügeltes Wort. Und in unserem Fall ist das ,zurück' hauptsächlich örtlich zu verstehen. Von der E-Church geht es wieder in die Reality-Church. Darauf freue ich mich. Auf die analogen Begegnungen, das Grüssen, in die Augen schauen und ins Gesicht sagen. Einander gegenüberstehen und sich spüren. Und auf das direkte Miteinander in unseren schönen, erinnerungsgetränkten Gemeinschaftsräumen, man...

Die Gabe der Tränen

Weint mit den Weinenden.  Römer 12, 15 Gestern, Sonntagmorgen früh. Es dauert noch bis zum Gottesdienst-Stream. Ich freue mich darauf, mit anderen verbunden zu feiern. Und bin etwas kribblig, ob alles klappt. (Es klappt ! https://www.youtube.com/watch?v=5G9mbArxFzM ) Ich möchte mich nicht gleich mit News abfüllen und ziehe mir noch im Bett den Kopfhörer über und wähle Musik.  Die Idee, eine Gemeindeplaylist zu erstellen, geht mir durch den Kopf. Alle, die mögen, geben ein Lied durch, ein Musikstück, einen Song. Am besten verlinkt. Die Playlist wird online gestellt. Alle können in die Playlist schauen, sehen einen Namen verbunden mit Musik. Man wählt die Musik an und denkt besonders an diesen Menschen. Kleinbasel verbunden noch auf anderer Ebene. (Wer das gut findet, kann gerne mitmachen! Mail an philipp.roth@erk-bs.ch.) Ein musikalische Messe folgt der alten (katholischen) Liturgie. Sie durchschreitet die Höhen und Tiefen des Lebens, kommt an Freude (Gloria) und ...

Alles was Odem hat

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn . Hallelujah.  Psalm 150, 6 9330 Menschen tun das, Stand heute, nicht mehr. Allein in der Schweiz. Allein wegen Covid-19. Am Freitag jährte sich der erste Pandemie-Todesfall in unserem Land. Die Glocken läuteten. Manche hielten inne und sprachen ein Gebet. Ein trauriger Moment in einer nervösen Zeit. ,Atem' steht in vielen Sprachen und Religionen für das Leben selbst. Das Virus, das die Welt ,in Atem hält', nimmt den Menschen tatsächlich diesen. Es greift die Lungen an.  Der Gedanke, dass die Pandemie im gleichen Jahr erschien, als George Floyd mit den Worten 'I can't breathe' unter Polizeigewalt starb, berührt mich jedesmal, wenn er mir kommt. Es begann mit den Buschfeuern in Australien, das unzählige Lebewesen erstickte und Menschen hustend in Seen trieb, um dem gleichen Schicksal zu entgehen. In Brasilien brannten Wälder und Grasland mit viel klareren Ursachen. Und in Californien trieben Feuer und Wind Rauch und Asche tausende ...