Direkt zum Hauptbereich

Im weiten Raum

 

Für einen Kurs trage ich alte und neue Bekenntnisse zusammen.
Lauter positive Aussagen.
Sie wirken wie Zucker.
Gehäuft wird’s plötzlich zu viel.
Irgendwo habe ich mal ein Gegenbekenntnis gelesen.
,Ich preise das Nichts’ oder so.
Es ärgert mich, dass ich es nicht finden kann.

Ein Gottesdienst auswärts.
Man sitzt auf Stühlen zu zweit oder allein. Dazwischen viel Luft.
Corona wird beklagt. Die Fülle des Lebens gesucht.
Ich frage mich, ob wir mit Konsum Sozialisierten uns Fülle auch ohne Gedränge denken können – Produktgedränge,  Menschengedränge.
Der Gottesdienst steht unter dem Motto: Du stellst meine Füsse in weiten Raum. (Psalm 31, 9)
Ich stelle mir diesen Raum leer vor.
Ein freies Feld, Bewegungs-, Spiel- und Atemraum.
Coronakompatibler geht nicht.
Und gerade diese Leere verheisst Fülle.

,Je länger ich im Amt bin, desto weniger zählt wirklich,’ sagt eine katholische Theologin nach dem Gottesdienst.
Ich glaube ihr sofort - und merke gleichzeitig, wie schwer es mir fällt, das Bekenntnis ,Weniger ist mehr’ durchzuziehen.
Ich muss ja nicht gleich sagen: ,Ich preise das Nichts.’
Aber ich könnte mehr glauben und entdecken, dass in dem Weniger, in das wir genötigt werden, eine (andere) Fülle verborgen liegt. 

 Philipp Roth

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Alles was Odem hat

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn . Hallelujah.  Psalm 150, 6 9330 Menschen tun das, Stand heute, nicht mehr. Allein in der Schweiz. Allein wegen Covid-19. Am Freitag jährte sich der erste Pandemie-Todesfall in unserem Land. Die Glocken läuteten. Manche hielten inne und sprachen ein Gebet. Ein trauriger Moment in einer nervösen Zeit. ,Atem' steht in vielen Sprachen und Religionen für das Leben selbst. Das Virus, das die Welt ,in Atem hält', nimmt den Menschen tatsächlich diesen. Es greift die Lungen an.  Der Gedanke, dass die Pandemie im gleichen Jahr erschien, als George Floyd mit den Worten 'I can't breathe' unter Polizeigewalt starb, berührt mich jedesmal, wenn er mir kommt. Es begann mit den Buschfeuern in Australien, das unzählige Lebewesen erstickte und Menschen hustend in Seen trieb, um dem gleichen Schicksal zu entgehen. In Brasilien brannten Wälder und Grasland mit viel klareren Ursachen. Und in Californien trieben Feuer und Wind Rauch und Asche tausende ...

Traummaschine

  Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt müssen wir doch feiern und uns freuen. Lukas 15, 31f Vor Weihnachten. Anstehen mit Abstand. In der Freien Strasse lange Schlangen vor dem Louis Vuitton Shop, dem New Yorker und dem Apple Store. Wofür bin ich bereit, wie lange zu warten? Ich reihe mich in die Reihe vor den Fotoautomaten ein. Es stehen gleich mehrere Geräte nebeinander. Man lädt seine Bilder vom Handy oder einem Speichermedium auf den Bildschirm, wählt aus und startet die Bestellung. Und wartet. Im Minutentakt spuckt die Maschine die Bilder aus. Beschleunigen geht nicht. Ein Clique junger Frauen bringt sich selbst auf Weihnachtskarten. Bilder vom Strand und in Abendkleidung. Ein junger Mann war schon an einem Gerät, als ich kam. Und ist es auch noch, als ich gehe. Er scheint Vater geworden zu sein. Das neugeborene Wunder und seine Mutter in allen Varianten. Maria mit Kind 2.2. Wundern so...