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Vorschuss Vertrauen

Wenn aus dem Frösteln ein ,Tschudere' wird, kommt man der Sache nicht näher.

Nach dem langen Lockdown-Fieberschub die Welt im Schüttelfrostmodus.
Trauma B (wie Boyd) verdrängt Trauma C (wie Covid-19).

Bei uns in den Schlagzeilen:
- Was bedeutet der Mohr im Mohrenkopf?
- Was ging in der LocherWG in der EKS?
- Was macht der Detailhandel an der Grenze mit dem wiedereröffneten Einkaufstourismus?

Als ich nach einer Woche ausserhalb der Stadt - aber nicht der Welt ;) - wieder nach Hause komme, erwartet mich in der Post das HEKS-Magazin: ,Gerade die sozial Schwächsten brauchen jetzt unsere Hilfe,' steht im Stil der BAG-Plakate auf der Rückseite. ,wie ältere Menschen, Flüchtlinge oder Familien in Existenznot.'  Ich freue mich auf  die Menschen, die mir hier nah und lieb sind, und für die ich was tun kann. In der neuen Medienwelt ist nicht nur die Erregung, sondern auch die Solidarität billig geworden. Doch ein Like oder eine Online-Unterschrift ist noch keine gute Tat. Was aus dem Bauch kommt, hat mal nur Bauch. Den eigenen. Kopf, Herz und Hand müssen folgen. Und die mögen es besonnener. Und länger.

Unter der Post stosse ich schliesslich auf den Artikel aus DER ZEIT, den ich vor ein paar Wochen beiseite legte.

Wohin wir sehen, ist das Vertrauen in die Kontrollierbarkeit unserer Welt ins Wanken geraten. Der Klimawandel erschüttert unser Vertrauen in den Kapitalismus, der uns bisher doch so zuverlässig mit Wohlstand versorgte. Der Populismus erschüttert unser Vertrauen in den Kompromiss, der Terror erschüttert unser Vertrauen in die öffentliche Sicherheit, Fake-News erschüttern unser Vertrauen darauf, dass es überhaupt so etwas wie Wahrheit gibt, auf die wir uns einigen können. Es ist eigentlich kein Wunder, dass der Mensch, der meint, keinen Gott, kein höheres Wesen zu brauchen, weil er sein Schicksal immer in den eigenen Händen hält, genau damit überfordert ist. Er hat, außer sich selbst, niemanden, auf den er sich beziehen kann.
»Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will«, hatte er (Dietrich Bonhoeffer) zwei Jahre zuvor geschrieben (vor der Gestapo-Haft, wo er ,Von guten Mächten' schrieb). »Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.«
Gottvertrauen mag in unserer modernen Welt wie die unwahrscheinlichste Form des Vertrauens aussehen, weil es sich auf etwas bezieht. das sich naturwissen-schaftlich nicht beweisen lässt. Jemand, der auf Gott vertraut, wird in seinem Leben dennoch die Gegenwart von etwas spüren, das ihn hält und trägt und dadurch für ihn wirklich wird.
Vertrauen bedeutet, dass wir uns in andere Hände begeben. Es bedeutet, dass wir nicht alles kontrollieren und beherrschen wollen, selbst wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Es bedeutet, den anderen, der Welt, dem Leben die Freiheit einzuräumen, uns so zu begegnen, wie sie es wollen, in der Erwartung, dass sie es gut meinen, aber ohne den versuch, das sicherzustellen. Um dieses vertrauen jedoch zuzulassen, müssen wir uns entscheiden. Entscheiden heisst nicht, zu wissen, bevor man handelt. Entscheiden heisst, zu handeln, bevor man weiss.  Marcus Jauer in: DIE ZEIT, 28.5.20
Vertrauen wird immer bevorschusst. Und beschwört. Vielleicht ist das die Grundaufgabe der Kirche. Ich freue mich darauf, das am kommenden Sonntag zu tun - nun auch wieder mit Singen, mit Kindern. Und mit einem Picknick auf dem Platz.

Philipp Roth

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