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Würfelspiel


Wie lange muss ich mich um mein Leben sorgen, tagaus, tagein Kummer in meinem Herzen tragen? Psalm 13, 3

An einem Tag im Jahr 2011 verschwinden 2 Prozent der Menschen von der Erde. Sie tun das wahllos und spurlos. Es sind Prominente darunter und Habenichtse, Frauen und Männer, Alte und Kinder, selbst Ungeborene aus dem Mutterleib. Zurück bleiben die Kommoden voller Kleider, die Schulhefte, die Werkstatt in der Garage und die unzähligen Erinnerungen der Menschen, die mit ihnen gelebt haben. 

Die Geschichte setzt 3 Jahre nach dem Ereignis ein. Sie löst das Rätsel nicht auf. Nagend bleibt die Frage die ganze Zeit im Raum, was da genau geschehen ist, wohin die Menschen verschwunden sind und nach was für Kriterien sie ausgesucht wurden. Die Geschichte erzählt nur, wie die Zurückgebliebenen damit umgehen. Was die Trauer mit ihnen macht. Die Ohnmacht. Wie sie die Leere füllen. Sich erklären, was sich nicht erklären lässt. Zwischen depressivem Fatalismus und religiösem Wahn wird da nichts ausgelassen. Verzweifelt versucht man dem Zufall eine Regel zu geben. Einen Sinn. Mit dem Verhalten das Schicksla zu beeinflussen. Vor dem Bildschirm ist einem die Hilflosigkeit diese Unterfangens stets bewusst. Im Film jedoch nur selten.

Die Serie ,The Leftovers' kommt mir in den letzten Tag oft in den Sinn. Mit der gewohnten Dosis von Drama, Romanze und Action macht sie zum Thema, was heute in der Luft liegt.: Die unheimliche Zufälligkeit des Lebens. Unzählige Menschen werden von einem Virus befallen. Viele sterben. Und man versteht nicht, welcher Regel das Unheil folgt. Auch wenn manche Missionare und Scharlane es behaupten. Es geschieht einfach. Was macht das mit uns?

,Gott würfelt nicht', soll Einstein bekanntlich gesagt haben. Und Stephen Hawking ergänzte: ,Er würfelt schon, aber er wirft die Würfel manchmal dorthin, wo wir sie nicht sehen.'

Die Erfahrung dieser Zufälligkeit wird oft als ein Geburtsmoment von Religion verstanden. Die Kontingenz katapultiert uns in die Transzendenz. In die Erfahrungs- und Denk-Lücke, die ich nicht füllen kann, packe ich Gott, der es schon weiss und richtet. Selbst Einstein und Hawking sind davor nicht gefeit, selbst wenn ,Gott' lediglich eine Metapher ist.

Philosophisch-theologisch steckt in der gegenwärtige 'Krise' (ich kann das Wort bald nicht mehr hören...) Abgründiges. Seelsorgerlich geht es darum, die Menschen, ja auch sich selbst, durch diese Tage und Wochen tröstlich zu begleiten. Darunter läuft jedoch stets die Frage nach dem eigenen Gottesverständnis mit. Ist er ein Briefkastenonkel, ein Dr. Sommer, der mir erklärt, was ich kaum zu fragen traue? Oder eine Mutter, die mich in ihrer Umarmung meine Fragen vergessen lässt? Oder eine dunkle Wolke, bei der ich nicht weiss, ob ich mich reinfallen lassen oder von ihr davonlaufen soll? Oder ein Ozean, der mich gleichzeitig überschwemmt, trägt und hinabzieht? Oder soll ich einfach, was ich als Mensch nicht kann: Mir kein Bild machen?

,Der Welt Schlüssel heisst Demut,' soll Christian Morgenstern geschrieben haben.
,Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen, Spähen
umsonst.'


Vielleicht ist das die erste Lektion dieser ,Krise'.
Lernen wir mal sie. Das kann dauern.
Danach - aber erst danach - schauen wir dann weiter...


Philipp Roth


E-Church:  Wir stehen in der Karwoche.
- Ein Kirchenfenster lädt auf YouTube täglich (Mo - Do / Sa) um 18:30 zu einem stillem Moment mit Passionchoral, Impuls und Choralbearbeitung ein. Es spielen unsere Organistinnen und sprechen mit unserer Gemeinde verbundene junge Theolog*innen.
- Am Karfreitag und Ostersonntag feiern wir um 10:00 Gottesdienste online aus der Theodorskirche.
Frühere ,Sendungen' sind bereits auf unserem Youtube-Kanal
eingestellt.

-> NEU können die Sendungen auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch


Einander im Ohr: Unsere Playlist ist online. Man kann hören, was andere dieser Tage hören. Und hat noch  Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch

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