Direkt zum Hauptbereich

Mit reiner Stimme

So ist mein Wort: Es kehrt nicht leer zurück. Jesaja 55, 11

Auf meinem Weg zu unserer E-Church stosse ich bei Youtube auf Paul Simon. Im vergangenen Jahr hat er seinen Rücktritt aus dem Konzertleben bekannt gegeben. Im kommenden Jahr wird er 80. Nun steht er vor einer nackten Wand mit Schattenspielen, vielleicht in seinem Hinterhof in New York City (man hört dei Spatzen zwitschern), und singt ,An American Tune'. Auf dem Kopf eine Baseballmütze, seine Gitarre umgehängt, singt er in eine einfache Kamera, vielleicht ein Handy oder ein Notebook, unbegleitet und unplugged, wie er es wohl seit seinen Anfängen vor 60 Jahren nicht mehr gemacht hat.
Sein Album vom Konzert im Central Park mit Art Garfunkel (1981) bedeutete für mich damals ein Meilenstein bei meinem Ausbruch aus dem Musikghetto meiner Jugendjahre mit christlicher Musik im engen Sinn. Mit ,Graceland' (1986) spielte er nicht nur Weltmusik und politisches Engagement in die westlichen Radiostationen, sondern auch ein Album in die Welt, das sich auch 35 Jahre später noch lebendig und frisch anhört und bleiben wird.
Als Datum über dem Youtube-Clip steht der 19. März 2020. New York City hatte sich in die Häuser zurückgezogen. Die Zahl der Infektionen und Toten stieg steil an. Videos mit menschenleeren Strassenschluchten gingen um die Welt und zeigten die Weltmetropole wie am Tag nach der Entrückung. Und Paul Simon nimmt seine Gitarre und tut, was er am besten kann: Singen.


Seit einem guten Monat sind unsere Kirchen keine Versammlungsräume mehr. Meine Gemeindebeziehungsarbeit hat sich auf Telefon, Mail, Briefe- und Kartenschreiben und ins Netz verschoben. Statt eines Gemeinschaftserlebnisses, das den ,Raum' des eigenen Körpers im sakralen Raum der Kirche in Begegnung mit anderen und mit dem Heiligen bringt, senden wir Online-Gottesdienste.
Als Pfarrer wurde ich als VDM ordiniert - verbi divini minister - Diener des göttlichen Wortes. Mit einem Mal steht dieses Wort nackter da denn je. Gesendet mit den audiovisuellen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters (die auch Musik, Raum, Licht, Gesten rüberbringen,) muss man wieder auf das vertrauen, was irgendwie auch der Kern unseres reformierten Glaubens ausmacht: dass das Wort allein wirken und berühren kann. Und die Erfahrungen damit sind erstaunlich. Während in der katholischen Liturgie die Eucharistie im Zentrum steht, die an Altar und Priesteramt gebunden ist, kann das Wort auch über den Bildschirm Herzen erreichen und Glauben nähren.
Was uns fehlt, ist nicht die Lieferkette des Heiligen vom kirchlichen Schatz der Gnade über das geweihte ,Bodenpersonal' zu den Gläubigen (kath). Nach reformiertem Verständnis steht jede und jeder unmittelbar vor Gott und denkt und glaubt selber. Das aktuelle Setting drückt das deutlicher aus denn je. Was uns fehlt, ist die physische Gemeinschaft der Gläubigen. Das Wort selbst jedoch vermochte stets ohne Berührung zu berühren. Und tut es auch jetzt. Und zeigt auch, dass das mit sinnlich/unsinnlich wenig zu tun hat. Weihrauch kann nur im gleichen Raum sinnlich sein. Das Wort kann es auch im virtuellen Raum - wenn es denn was zu sehen, fühlen, hören.. gibt.
Es gibt viel zu lernen für mich, auch und gerade jetzt. Auch den Glauben an das Wort.


,An American Tune' hat mich schon immer anders angerührt als ,The Boxer' und weitere grosse Paul Simon-Songs. Nun weiss ich, was es ist. Das Lied nimmt die Melodie von ,O Haupt voll Blut und Wunden' auf, das wir am Karfreitag wieder gesungen haben. Wie diesem wurde auch ,An American Tune' manchmal vorgeworfen, zu drastisch oder zu pathetisch zu sein. Nun hört man es ganz anders. Paul Simon hat nur seine Stimme und seine Gitarre. Aber der Clip wurde bereits fast eine halbe Million mal angeklickt. Und ich hoffe, dass er die Menschen in New York durch die Wände erreicht. Mich erreicht er. Und ich singe mit ihm:
But it's alright, it's alright
For we lived so well so long
Still, when I think of the
Road we're traveling on
I wonder what's gone wrong
I can't help it, I wonder what has gone wrong


www.youtube.com/watch?v=wVYPVvS-mI4

Philipp Roth


E-Church:

Auf unserem Youtube-Kanal der Kirchgemeinde Kleinbasel findet man den gestrigen Gottesdienst aus der Dorfkirche Kleinhüningen sowie die sämtliche älteren ,Sedungen' für GROSS & klein.
Diese Woche folgen ein Taizé-Gebet (Di, 18:00), das THEODORli (Mi, 17:30), ein Kirchenfenster (Do, 18:30) sowie am Sonntag 10:00 wieder ein Gottesdienst aus der Theodorskirche.


-> Die Gottesdienste können auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch


Einander im Ohr: Mit unserer Playlist kann man hören, was andere dieser Tage hören. Und es hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch

Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktualisiert hier.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Alles was Odem hat

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn . Hallelujah.  Psalm 150, 6 9330 Menschen tun das, Stand heute, nicht mehr. Allein in der Schweiz. Allein wegen Covid-19. Am Freitag jährte sich der erste Pandemie-Todesfall in unserem Land. Die Glocken läuteten. Manche hielten inne und sprachen ein Gebet. Ein trauriger Moment in einer nervösen Zeit. ,Atem' steht in vielen Sprachen und Religionen für das Leben selbst. Das Virus, das die Welt ,in Atem hält', nimmt den Menschen tatsächlich diesen. Es greift die Lungen an.  Der Gedanke, dass die Pandemie im gleichen Jahr erschien, als George Floyd mit den Worten 'I can't breathe' unter Polizeigewalt starb, berührt mich jedesmal, wenn er mir kommt. Es begann mit den Buschfeuern in Australien, das unzählige Lebewesen erstickte und Menschen hustend in Seen trieb, um dem gleichen Schicksal zu entgehen. In Brasilien brannten Wälder und Grasland mit viel klareren Ursachen. Und in Californien trieben Feuer und Wind Rauch und Asche tausende ...

Traummaschine

  Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt müssen wir doch feiern und uns freuen. Lukas 15, 31f Vor Weihnachten. Anstehen mit Abstand. In der Freien Strasse lange Schlangen vor dem Louis Vuitton Shop, dem New Yorker und dem Apple Store. Wofür bin ich bereit, wie lange zu warten? Ich reihe mich in die Reihe vor den Fotoautomaten ein. Es stehen gleich mehrere Geräte nebeinander. Man lädt seine Bilder vom Handy oder einem Speichermedium auf den Bildschirm, wählt aus und startet die Bestellung. Und wartet. Im Minutentakt spuckt die Maschine die Bilder aus. Beschleunigen geht nicht. Ein Clique junger Frauen bringt sich selbst auf Weihnachtskarten. Bilder vom Strand und in Abendkleidung. Ein junger Mann war schon an einem Gerät, als ich kam. Und ist es auch noch, als ich gehe. Er scheint Vater geworden zu sein. Das neugeborene Wunder und seine Mutter in allen Varianten. Maria mit Kind 2.2. Wundern so...