Direkt zum Hauptbereich

Im toten Winkel


Hinabgestiegen in das Reich des Todes (Apostolicum)

Auf den Tischen im dunklen Restaurant
Weingläser, Silberbesteck, gestärkte Servietten und weisse Kerzen
in Erwartung unbekannter Gäste und künftigen Lichts.


Das Meer hat sich weit zurückgezogen
und eine Welt freigelegt, die weder dem Land noch dem Wasser gehört.
Steine, Muscheln, Plastik, Treibgut liegen nackt soweit man sieht.
Die gekippten Boote an Ketten fahren nirgendwohin.
Hier hinterlässt jede Bewegung ihre Spur.


Der Spanner hält den Schuh
in der Gewissheit des Fusses, der ihn bald tragen und mit ihm gehen wird.

Stimmt es,
dass die Welt frühmorgens,
bevor die Vögel singen,
eine Minute die Luft anhält
und die Kinder lächeln im Schlaf
und die Erwachsenen kriegen im Schlaf ihr Kindergesicht zurück
und der Wolf schaut zum Mond hoch und schweigt?

 
Über der Baugrube
mit den Stapeln von Brettern, Armierungseisen und Röhren
holt die Architektin die Pläne aus dem Köcher,
Schmetterlingspuppe,
rollt ihn aus und sieht den ganzen Bau bereits vor sich.
Alles. Kommt. Gut.


In seiner dritten Einspielung der Goldberg Variationen (?)
hat Andras Schiff unter Nr. 1
eine Minute Stille platziert.
Kaum zu verhindern, dass man beim ersten Hören nicht vorwärts springt.
Hat der Künstler hier nichts aufgenommen?
Oder Stille?


Im Lockdown Karsamstag
steigt Jesus ins Reich des Todes hinab.
Sabbat.
Alles ruht.
Er ruht nicht.
Geht durchs Welt- und Seelenhaus
wie einer,
der sein künftiges Erbteil besichtigt.
Tastet sich
unter die Kellertreppe vor,
zu Verliesen, Intensivstationen, Dunkelkammern,
in tote Winkel und blinde Flecken.
Entriegelt alle Türen
für das sehnsüchtig erwartete
Unerwartete.

Philipp Roth

E-Church:  Heute Karsamstag erzählt das THEODORli um 17:30 ,Ostern' und um 18:30 lädt ein Kirchenfenster mit Lied, Impuls, Gebet und Choralbearbeitung zum Innehalten ein.
- Morgen Sonntag, 12.4., feiern wir um 10:00 das Osterfest mit einem Gottesdienst online aus der Theodorskirche: Noli me tangere! / Rühr mich nicht an!
Frühere ,Sendungen' sind bereits auf unserem Youtube-Kanal
eingestellt.

-> Die Gottesdienste können auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch


Einander im Ohr: Mit unserer Playlist kann man hören, was andere dieser Tage hören. Und es hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch

Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktualisiert hier.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Badehosenzeit

Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!  1.Korinther 11, 23 Ich kann gut damit leben, dass es in diesem Jahr keine Strandferien gibt. Meine Sache war die Fleischschau nie. Doch was erlaubt mehr, einfach mal Körper zu sein? Ich habe das Bild vor Augen, wie die Briten den Strand von Brighton stürmten. Strandsardinen statt social distancing. ,Als hätte es Corona nie gegeben,’ titeln die Zeitungen. Ich denke: ,Als hätte Corona alle ausgehungert.’ Man muss einander mal wieder spüren. Man muss sich mal wieder spüren. Wir sind nicht virtuell. Sommerferien sind Körperferien. Mit den Konfirmand*innen 21 besuchen wir den Seilpark in Lörrach. Turnen, Klettern, Lachen, Kreischen. Menschsein mit Haut und Haar. Am Tag darauf sitzen wir vor dem Isenheimer Altar in Colmar. Der Gekreuzigte als reiner Körper – totes Fleisch, drastisch zur Schau gestellt. Links des Toten verzweifeln Maria, Johannes und Maria Magdalena. Rechts zeigt der lange Finger Johannes’ des Täufers a...

Das Jahr magischen Denkens

Und Jesus fragte die Jünger : »Warum habt ihr solche Angst? Wo ist euer Glaube ?« Markus 4, 40 Am 25. Dezember 2003 wird Quintana Roo Dunne Michael auf die Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses eingeliefert. Die Symptome einer Grippe weiten sich rasch zu einer Lungenentzündung und einem septischen Schock aus. Die Eltern bangen um ihr Leben. Am 30. Dezember 2003, kaum vom Besuch im Spital zurück, erleidet der Vater von Quintana einen Herzinfarkt und stirbt.  Zwei Jahre später erscheint 'Das Jahr magischen Denkens' (The Year of Magical Thinking). Darin beschreibt die bereits in den 70-er Jahren durch ihre Essays bekannt gewordene Schrifststellerin Joan Didion die Trauer um ihren Mann und die Sorge um ihre Tochter. Die leere Wohnung nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens, die endlosen Gedankenketten und Achterbahnfahrten des Gefühls, sie verdichten sich  immer wieder zur Einbildung, sie hätte ihren Mann retten können und müssen. Indem sie alles so belässt, dass für den Tot...