Sarah Sommer wohnt in Biel und schreibt an ihrer Masterarbeit in Theologie. Vor einem Jahr absolvierte sie in unserer Kirchgemeinde ein Praktikum und feierte im Sommer in der Theodorskirche ihre Taufe.
Ich sitze an meinem Tisch in meiner Einzimmerwohnung. Alleine. Gerade bin ich vom Einkaufen heimgekommen, meinem einzigen wiederkehrenden Lichtblick in diesem beschissenen Lockdown. Ich wohne seit relativ kurzem in Biel. Meine Freunde und Verwandten wohnen alle in anderen Städten und durch meine ständige Pendlerei nach Zürich habe ich hier noch nicht wirklich Anschluss gefunden. Dementsprechend einsam fühle ich mich. Wenn man das Social Distancing ernst nimmt – was man sollte – schlägt einem das aufs Gemüt. Das hatte ich so nicht erwartet. Ich habe mich selbst immer ein wenig als lone wolf gesehen: Ich bin froh, wenn ich abends nach einem Uni- oder Arbeitstag im Behindertenheim mit vielen Menschen um mich herum heimkommen kann in eine leere Bude und mich mit niemandem mehr unterhalten muss. Ein bisschen netflixen, ein wenig Schweizerdeutsche Lyrik lesen, etwas essen und ab in die Heia. The perks of living alone. Keine Rücksicht nehmen müssen, nicht mehr aufmerksam sein müssen, einfach loslassen. Hin und wieder gönne ich mir diesen Luxus einen ganzen Tag, manchmal sogar ein ganzes Wochenende. Dann klinke ich mich einfach aus, ignoriere mein Handy und meine E-Mails. Schön!
Leider ist das genau zwei Tage in Folge schön, dann wird’s zum
pain in the ass. Beziehungsweise ist es vielleicht länger schön, wenn man
selbst die Wahl dazu trifft und sich seine Zeit mit Dingen vertreiben kann, die
einen erfüllen oder vielleicht auch nur amüsieren. Aber wenn der Bund einen
dazu verdonnert, hält sich die Freude in Grenzen, vor allem, wenn man dann
praktisch gar nichts mehr unternehmen kann; es sei denn, man geniesst den Luxus
eines eigenen Gartens oder einer so grossen Wohnung/Haus, dass man Platz hat
für ein Hobby in den eigenen vier Wänden. Meine Hobbies wie Langhanteln Heben
oder Wandern Gehen sind leider nicht so Einzimmerwohnungsverträglich. Also
schaue ich Netflix und Disney+ (Danke an meinen Bruder, der mir seine
Login-Daten verraten hat), esse zu viele Süssigkeiten oder gehe eben einkaufen.
Und danach sitze ich an meinem Tisch, so wie jetzt. Denke an meinen Freund,
meine Freunde und Familie, um die ich mich sorge, weil sie teilweise zur
Risikogruppe gehören und die ich deswegen nicht treffe. Ich sehne mich nach
einer Umarmung, die im Gegensatz zu den Süssigkeiten leider gerade nicht
verfügbar ist. Ich erinnere mich daran, dass manche Menschen sich immer so
fühlen wie ich in Corona-Zeiten. (Und dass es anderen natürlich noch viel
schlechter geht, aber das trifft ja leider praktisch immer zu.) Und jeden Tag
gibt es Updates darüber, wieviele Menschen in den letzten 24 Stunden gestorben
sind und wie lange wir die Pandemie wahrscheinlich noch zu bekämpfen haben. Und
in all dem wird mein Lebensmut kleiner und meine Welt ein wenig grauer.
Natürlich weiss ich intellektuell, dass es irgendwann vorbei sein wird. Aber
das regt meinen Verdauungstrakt leider nicht an Serotonin zu produzieren und
damit mein Gemüt zu lichten.
Vom Tisch aus, an dem ich gerade sitze, sehe ich also zum
Fenster hinaus, weil mein eines Zimmer langsam langweilig zum Anschauen wird.
Direkt vor meinem Fenster wächst ein Hagebuttenbaum. Ich weiss, ich weiss.
Hagebutten sind Früchte verschiedener Rosensträucher. Mein Bäumchen hat aber
noch nie Rosen getragen. Nur Hagebutten. Also ist es ein Hagebuttenbaum. Zu
diesem Hagebuttenbaum habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Er wächst, dass es
klöpft. In alle Richtungen. Auch in die Richtungen, wo ich eigentlich nicht
möchte. Meine Haare verfangen sich regelmässig darin, und wenn ich ihn
zurückschneiden will, ziehe ich trotz Gartenhandschuhen mit zahlreichen
Kratzspuren an meinen Armen und Händen aus dem Kampf. Er hindert auch immer
wieder das Sonnenlicht daran, mein Esszimmer – bzw. meine Ess-Quadratmeter –
ein wenig heller zu machen. Und die Hagebutten kann ich leider auch nicht
gebrauchen, da ich zuverlässig immer den Zeitpunkt verpasse, wo sie reif sind –
aber abgesehen davon auch keine Konfitüre selber mache. Insofern also nicht
gerade mein Lieblingsbaum.
Und doch: Das Bäumchen zieht eben auch Vögel an. Gerade
jetzt setzt sich ein hellbrauner Vogel, der etwa halb so gross ist wie meine Faust,
auf den Hagebuttenbaum und pickt sich mal hier, mal da etwas von dem Baum. Was
genau, weiss ich nicht, er pickt nämlich nicht die Hagebutten. Was genau es für
ein Vogel ist, weiss ich auch nicht: Es ist kein Spatz, soviel ist sicher. Damit
sind meine ornithologischen Kenntnisse auch schon erschöpft. Es ist aber gar
nicht wichtig. Der Vogel ist süss anzuschauen! Manchmal pfeift er, dann hüpft
er wieder unbekümmert von Ast und zu Ast, dann gesellt sich ein Kollege hinzu,
genauso herzallerliebst. (Merkt man, dass ich Vögel mag?) Und obwohl ich diese
herzigen Vögel nicht umarmen und auch nicht mit ihnen Langhanteln heben gehen
kann, bringen mir diese Vögel ein wenig Freude und lenken mich für eine halbe
Minute von Corina ab. (Corina ist übrigens der Name, den ich dem Virus gegeben
habe. Schön, nicht? Und so kreativ!) Und diese kleine Freude habe ich nur wegen
einem nervigen Hagebuttenbaum. Vielleicht hat doch alles Schlechte sein Gutes…
Nun gut, wir wollen nicht gleich in krankhaften Optimismus verfallen. Aber manches
Schlechte hat sicher auch sein Gutes. Haben Sie gewusst, dass in Thailand wegen
fehlenden Besuchs (Corina sei Dank) Elefantenparks geschlossen und so 78
Elefanten aus der Gefangenschaft befreit worden sind? Oder dass im United
Kingdom innerhalb von nur 48 Stunden 4500 pensionierte ÄrztInnen und Pflegende
sich gemeldet haben, um im Kampf gegen Corina tatkräftig in Spitälern zu
helfen? Oder dass seit dem Lockdown in Venedig sich die Wasserqualität in den
Kanälen so verbessert hat, dass wieder Schwäne und Delfine darin unterwegs
sind?
Nun. Ich sitze immer noch an meinem Tisch in meiner
Einzimmerwohnung. Alleine und in Sorge um meine Liebsten. Aber ich schaue und
höre den Vögeln zu, die auf dem Hagebuttenbaum vor meinem Fenster sitzen. Und
das werde ich tun, bis sich Corina endlich verpisst hat.
Allen unter Ihnen, die ein paar metaphorische Vögel auf dem
metaphorischen Hagebuttenbaum vertragen können und der englischen Sprache
mächtig sind, lege ich diesen Instagram-Account ans Herz: the_happy_broadcast. https://www.instagram.com/the_happy_broadcast/
Bis bald und Gottes Segen
Sarah Sommer
E-Church: Wir stehen in der Karwoche.
- Neben dem Kirchenfenster 18:30 auf YouTube (Mo-Do/Sa) lädt heute um 17:30 auch ein THEODORli Kinder und ihre Erwachsenen zum Innehalten ein (Teil B am Samstag, 17:30).
- Am Karfreitag und Ostersonntag feiern wir um 10:00 Gottesdienste online aus der Theodorskirche.
Frühere ,Sendungen' sind bereits auf unserem Youtube-Kanal eingestellt.
-> NEU können die Sendungen auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch
Einander im Ohr: Unsere Playlist ist online. Man kann hören, was andere dieser Tage hören. Und hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch
Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktualisiert hier.
E-Church: Wir stehen in der Karwoche.
- Neben dem Kirchenfenster 18:30 auf YouTube (Mo-Do/Sa) lädt heute um 17:30 auch ein THEODORli Kinder und ihre Erwachsenen zum Innehalten ein (Teil B am Samstag, 17:30).
- Am Karfreitag und Ostersonntag feiern wir um 10:00 Gottesdienste online aus der Theodorskirche.
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-> NEU können die Sendungen auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch
Einander im Ohr: Unsere Playlist ist online. Man kann hören, was andere dieser Tage hören. Und hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch
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