Wir wissen ja nicht einmal, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen. Römer 8, 26
Der Artikel ist zehn Jahre alt. Für etwas, was so schnell altert wie ein Zeitung, ist das sehr alt. Heute - aus der Zeit gefallen - bleibe ich in meinem Zettelkasten gerade bei ihm hängen. ,Auch ein Wunder' heisst er. (Die ZEIT; 22.12.09)
Es gibt nicht viel, was heute noch peinlich ist. Der Satz »Ich bete« gehört dazu. Er
zieht scheele Blicke nach sich und den Verdacht, auch sonst nicht ganz von dieser Welt zu sein. Beten ist eine Zumutung für alle, die es nicht tun: Solange Glauben als eine Ansichtssache unter vielen daherkommt, vermeidet er gesellschaftlichen Anstoß.
Das hat sich bei mir in den letzten Tagen geändert. Schon lange habe ich nicht mehr soviel gebetet. Vielleicht noch nie. Wobei beten ganz Vieles meinen kann. Vom Unservater im YouTube-Gottesdienst über das bewusste Singen bestimmter Lieder, das konzentrierte an jemand Denken bis zum gemeinsamen Stossseufzer abends spät im Bett, das Aufschauen bei der Abendrunde den erleuchteten Fenstern nach bis zum langen erfüllten Blick in die Augen des Bekannten, der plötzlich so fern bleiben muss. Vor allem aber meine ich, dass das Beten auch die Peinlichkeit verloren hat. ,Bhüet Di Gott' ist wieder viel öfter zu hören. Ein klares Gebet. (Was im alten ,Adieu - à dieu' ja auch schon steckt). Und selbst bei der Tagesschau hört sich das 'Bleiben Sie gesund' manchmal wie ein Gebet an, weil man deutlicher denn je weiss, wie sehr das ein ,frommer Wunsch' ist, einer, zu dessen Erfüllung noach anderes nötig ist als das Eigene.
Aber eine Zumutung ist das Bekenntnis zum Beten auch für den, der es tut: Sogar den meisten Christen fällt es leichter, über Sex zu reden als über das Beten. Was den zerbrechlichen Zauber des Betens ausmachen kann, davon sprechen selbst diejenigen kaum, die es praktizieren. Denn im Beten, in der Verbindung zu Gott, ist eine eigene lntimität angelegt. Hier öffnet der Gläubige sich seinem Gott und kann doch nicht gewiss sein, ihn zu finden. Hier ist er am verletzlichsten, hier begegnet er allen Unwägbarkeiten in sich - und in seinem Glauben. Das Gebet ist nicht der Ort der Selbstgewissheit, die Agnostiker an Gläubigen so schwer zu ertragen finden, sondern ein Ort der Suche.
Ich verstehe nun, was mich damals so angesprochen hat, dass ich den Artikel in mein Gedankensammelalbum klebte. Für ein Teil meiner Tradition und Geschichte bedeutet das Gebet Aktion, Glaubenwerk und Kampf. Kein weiter Weg bis zum Krampf. Für mich ist es Atmen, Wundpflege, Denken und Glauben bei offenem Herz. Ich denke an die Kiemen eines atmenden Fisches. So lebendig und verletzlich, dass ich erschrecke, wenn ich in sie blicke. Man ist ganz nah dran. Und nah dran spürt man auch, wie nah alles ist, was das Leben bedroht.
So exotisch das Beten einer ungläubigen Welt erscheint, so vertraut ist es ihr trotzdem. Beten ist meist immer noch das Erste, was Menschen im Leben vom Glauben begegnet, und das Letzte, wovon sie lassen. Vom kindlichen Abendgebet mit der Oma bis zum Stoßgebet des gestressten Teilzeitgläubigen - selbst wer der Institution Kirche schon lange den Rücken gekehrt hat, ertappt sich in Momenten der Not bei der Suche nach innerem Zuspruch. (...) Wer betet, wird ein anderer - aber er wird es nicht restlos aus eigener Kraft. Das ist das Versprechen, das das Christentum dem Wahn der Ich-Optimierung entgegensetzt. Ohne den Funken von außen, ohne das Gegenüber, das der Gläubige Gott nennt, ist tiefe Veränderung nicht zu haben.
Es wird viel von Veränderung geredet. Dass sich die Welt ändert, durch das, was jetzt geschieht. Dass sich das Miteinander ändert. Dass sich der Mensch ändert. Ich staune selbst, wie rasch wir Verhalten ändern und uns an ganz neue Umstände adaptieren können. Bei Wesenänderungen gehöre ich zu den Skeptikern.
Bete wild und gefährlich, riet einmal ein geistlicher Lehrer seinen Schülern, doch der Rat war eigentlich überflüssig. Fast unweigerlich führt Beten auf einen abenteuerlichen Weg. Beten ist Glauben für Einsteiger - bis man sich ohne Vorwarnung mit den Prüfungen für Fortgeschrittene konfrontiert sieht.
Gestern haben wir im Team auf dem PC eine Open Source Software für Videoschnitt installiert. Bei einem offenen Quellcode können alle an einer Verbesserung mitarbeiten. Vielleicht ist Beten der Weg, sein Leben open source zu führen. Alle Möglichkeiten der Verbesserung nicht ausgeschlossen. Nicht exklusiv, aber explizit inklusiv auch durch Gott. Zurzeit sind wir in vielem open source unterwegs. Und ich bete wild und gefährlich.
Philipp Roth
E-Church:
Heute 17:30 trifft man sich auf YouTube in der Kinderkirche THEODORli.
Am kommenden Sonntag, 10:00, folgt ein Gottesdienst aus der Dorfkirche Kleinhüningen.
Was bereits kam, ist auf unserem Youtube-Kanal ,nachzusehen'.
Einander im Ohr: Unsere Playlist ist online - und hat noch viiiieeeel Platz für Eure Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch
Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktualisiert hier.

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