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Wie man sich kleidet

Ich ziehe ein weisses Hemd an. In zwei Stunden zeichnen wir in der Theodorskirche den Gottesdienst für den Stream am Sonntag um 10 Uhr auf (vgl. Link unten). Ich spüre, wie ich diese Rituale brauche und schätze. Es war keine Frage, dass wir den Gottesdienst in der Kirche aufzeichnen. In unserem vertrauten Sonntags-Feier-Raum. Und es war keine Frage, dass wir uns dazu sonntäglich anziehen. Unsere Stimmung mag grad so oder so sein. Entscheidendes kommt von aussen und wirkt nach innen. Jetzt sind es: Morgendusche. Musik. Sonne. Frühstück. Telefonanruf. Vogellied. WhatsApp-Morgengruss. Das weisse Hemd. Bald Orgelmusik. Stille. Besinnung. Und das gute Wort, das man sich nicht selber sagt.

Ich erinnere mich an meinen letzten Auftritt in Anzug und weissem Hemd. Es war vergangenen Montag. Eine Beisetzung auf dem Friedhof. Am Nachmittag erklärte der Bunderat die ,ausserordentliche Lage'. Die Urne wurde in einer Nische beigesetzt. Ein Loch in der Wand statt eines Lochs im Boden. Wir standen vor dem leeren Betonfach. Daneben ein Blumenmeer. Die Sonne schien und die Vögel flippten fast aus vor Frühling. Die Nische wirkte noch grauer und kälter. Die Menschenstimmung war gedrückt. Nicht nur wegen der Trauer. Nicht mal nah zusammenstehen konnte man. ,Wenigstens das Wetter ist gut,' sagte jemand. ,Es gibt vieles, das uns übersteigt,' entgegnete ich. ,Tod. Virus. Wetter... Und nicht alles ist schlecht.' (Der Leidensurmensch Hiob sagt einmal: Das Gute nehmen wir an von Gott, und das Böse sollten wir nicht annehmen? Hiob 2, 10)

Ich las einen Psalm und sagte ein paar Worte. Die Urne kam in die Nische. Während die Angehörigen einzeln hinzutraten und sich verabschiedeten, fiel mein Blick auf den Baum hinter der Nischenwand. Mitten im Stamm klaffte ein Loch. Rund und klein und schwarz. Ein kleiner Vogel rannte eifrig den Baum hoch und runter, flog weg und kam zurück. Aufgeregt machte er sich am Loch zuschaffen, steckte den Kopf hinein, zog ihn zurück.

Ich musste lächeln, wie von einem Engelsflügel gekitzelt. Vorne tragen Menschen einen anderen Menschen zu Grab. Sie stellen ein rundes kleines Tonding in ein Loch und wissen nicht, was wie weiter geht. Hinten baut ein Kleiber sein Nest. Bald wird er ein kleines rundes Ding ins Nest legen, nein mehrere solcher Dinger. Und neues Leben wird schlüpfen, mitten im Dunkeln, und aus dem (letzten) Loch pfeifen.

Das, was von aussen kommt, ist mir in diesen Tagen besonders wichtig. Sich kleiden. Nicht nur textil, sondern auch rituell, habituell, spirituell. In die vielen guten Dingen hineinschlüpfen, die da sind und mit denen man handlungsfähig ist, wie in ein Hemd. Es sich anziehen, übeziehen, und sich darin bergen und damit schmücken. So gibt man sich selbst Gestalt und dem Tag Form - wenn er die alte verloren hat, umso mehr. Wieso also nicht jeden Tag mit einem Gebet beginnen? Wie im Kloster (vgl. Blog gestern). Oder mit einem Musikstück, das man mit geschlossenen Augen hört? Oder damit, dass man den Menschen, der noch nahe ist, eine dreifache Standardlänge lang umarmt? Oder den Tag damit beschliessen, dass man eine Kerze ins Fenster stellt und ein Abendlied singt? Der Nachbarin eine Blume aus dem Garten vor die Türe legt? Oder mit seinem Mitmenschen ein Glas Wein trinkt mit nur einer Frage: Wie geht es Dir?
Habe ich mich nicht immer wieder daran gestossen, dass das im Alltag so viel zuwenig möglich ist? Nun ist es möglich. Und tut gut. Und wird umso wichtiger.

Seit ein paar Wochen sind wir hochansteckend. Mögliche Wirtinnen und Wirte eines gefährlichen Keims. Seither geht mir oft durch den Kopf, was Jesus zum Thema der Reinheit gesagt hat - damals kultisch verstanden - und höre es nochmals ganz neu:  

Er sagte zu ihnen: »Hört mir alle zu und versteht mich richtig! Nicht das, was von außen in den Menschen hineinkommt,
kann ihn unrein machen.
Sondern das, was aus dem Menschen herauskommt,
macht den Menschen unrein.« (Markus 7, 14f)

 

Ich bedenke bewusster, was ich an mich heranlasse, an mich herankommt, auf meine Haut, meine Seele, in mich hinein. Heute zum Beispiel das weisse Hemd. Und jetzt gleich auf der Posaune: ,All Morgen ist ganz frisch und neu / des Herren Gnad und grosse Treu' (Gesangbuch 557). Das hab ich mir nämlich vorgenommen, jeden Morgen am Fenster zu spielen.

Heit Sorg!

Philipp Roth



Wir richten einen YouTube-Kanal für unsere Kirchgemeinde ein und werden dort laufend Gottesdienste, Geschichten etc. aufschalten. Am Gottesdienst mit Nicoleta Paraschivescu, Orgel; Mike Koch, Praktikant und Theologiestudent und mir kann man da am Sonntag, 22. März, 10:00, teilnehmen.
https://youtu.be/5G9mbArxFzM

Alle aktuellen Infos und Angebote unserer Kirchgemeinde www.erk-bs.ch/kg/kleinbasel/corona_information

Kommentare

  1. Lieber Philipp, deine Gedanken berühren mich und fassen in Worte, was ich zwar fühle aber nicht so ausdrücken kann. Herzlichen Dank...beim vorbeigehen an eurer Garagenpinwand wurde ich auf deinen Blog aufmerksam... Leider habe ich von der oek. Aktion am Do abend erst heute gehört. Aber wir stellen ab heute jeden Abend um 20 Uhr eine Kerze ins Fenster. Vielen Dank für das, was du und viele in Kirchen, Spitälern, Heimen etc tun und nicht lassen! Herzlich, Charly

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  2. und die Posaune mit "all Morgen..." würde ich schon ganz gerne hören. Leider reichts nicht ganz bis zu uns ! But: Go for it !

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