Direkt zum Hauptbereich

Infomanagement

Ferdinand Hodler, Mädchen mit Mohnblume, 1890, Kunstmuseum Bern
Betet ohne Unterlass! 1. Thessalonicher 5, 17

Heute Nacht habe ich auch die Zeit zwischen 2:30 und 4 Uhr mit dem Virus im Kopf verbracht. Die Stadt lag still. Ich nicht. Gestern sass das Virus bereits in allen Telefonaten, als ich den Hörer abnahm, sass da, als wäre es eine riesige grinsende Giftkröte und kein Mikroorganismus. Die Mails ohne es entlarvten sich bereits durch seine Abwesenheit als Werbung. Und in den wenigen Direktbegegnungen ausser Haus füllte es spielend den wegen ihm gebotenen gebotenen Abstand aus, als wären wir Buchstützen und er ein Stapel Schundhefte. ,Social distancing' für ,viral filling'...
Wehe aber, ich machte Pause und schaltete das Radio an. Oder den Fernseher. Überall nur ES. Und dabei sind das alles noch 'alte' Medien. Von Internet und social media fange ich gar nicht an...

Im Studium habe ich den Begriff ,Ubiquität' gelernt. In der Theologie bezeichnet er die Allgegenwart Gottes, sein Nahesein, durch alles hindurch, über alles hinaus. Es wird zum Beispiel im Abendmahl gefeiert und spürbar. Nun sehe ich, dass man den Begriff auch in der Biologie kennt. ,Das Nichtgebundensein an einen Standort' wird er dort umschrieben. Passt.

Es heisst, die Welle komme erst. Die Infektionswelle. In der Infowelle fürchte ich bereits jetzt zu ersticken. Pausenloses Tosen. Und das kleine Ich ein Kieselstein in einer Gletschermühle. ,Jetzt könne man die Bücher lesen, die man schon lange wollte,' heisst es verlockend. ,Oder sämtliche Haydnsinfonien durchhören.' Doch abgesehen davon, dass das wohl nur für die ohne Kinder und ohne Homeoffice gilt, müsste man zuerst mal runterkommen, den Kopf frei kriegen, um  das zu können. Und das Herz.

Was grösser ist als ich, unfassbar, nicht kontrollierbar, droht mich zu überwältigen. Das endlos Weite - total Nahe schnürt mich ein und besetzt mich. Und weil ich so voll vom ganz anderen bin, fühle ich mich so unheimlich leer. (Ein solches Besetztwerden von fremden Mächten nannte man früher ,Besessenheit'.)

Laut Umfragen checken Leute, die bei uns im Büro arbeiten, ihre Mails bis 40 Mal pro Tag. Bei jedem ,Pling' springen die Gedanken aus den Schienen. Mail-Management empfiehlt dringend, täglich 1-2 begrenzte Zeitfenster für die Mails einzuplanen und sie sonst zu lassen.

Aus der klösterlichen Tradition kennt unsere Kirche die Tagzeitengebete. Bestimmte Zeiten am Tag ( 3-7 - je nach Tradition) gehören dem Gebet. Mein Äusseres kommt zur Ruhe. Mein Inneres richtet sich aus und justiert sich wieder an dem, was uns weit übersteigt. In einem streng begrenzten Rahmen. Mit einem Psalm, Lied, Vaterunser, Stille.

Ich nehme mir vor, mich in meinem Infomanagement daran zu orientieren. 3x täglich bringe ich mich auf den neusten Stand. An verlässlicher Quelle. Und dazwischen lasse ich möglichst viel anderes einströmen. Sonne. Musik. Kontakte. Gute Gedanken. Amsellied - wie zB gerade jetzt.

Gut möglich, dass den Nonnen und Mönche früher die Ubiqität Gottes auch zuviel wurde wie mir heute die des Virus. Sie wussten sich gegen diese positive überwältigende Nähe, gegen die Güte und Gnade des Himmels und die Gaben und Aufgaben, die damit verbunden waren, kaum zu wehren. ,Beten ohne Unterlass!' überfordert. Statt zuviel des Unguten, wie heute, zuviel des Guten. Also richteten sie die Tagzeitengebete ein. Nicht, um das Gute einzudämmen, sondern um seine Wirkung zu bewahren. Und alles bekam seinen Platz. Das Grenzelose und das Rüeblibeet. Das Herzens- und das Handgebet.

Online braucht Offline, sonst ist es nur noch ,line' - eine Leine, die sich um den Hals legt und mich dahin und dorthin zerrt. 

Ich freue mich, wenn Ihr heute bei der Ökumenischen Lichteraktion dabei seid (s.u.). Tagzeitengebet ökumenisch landesweit. 

Es liegt im Stillesein eine
wunderbare Macht der Klärung,
der Reinigung, der Sammlung
auf das Wesentliche.                               Dietrich Bonhoeffer


Ich wünsche Euch einen guten Rhythmus und eine ruhige Mitte.

Philipp Roth

Hinweise:

Ökumenische Aktion ,Ein Lichtermeer entzünden': Die evangelisch-reformierte und die römisch-katholischen Kirche setzen ein Zeichen der Verbundenheit, Gemeinschaft und Hoffnung. Bis Gründonnerstag werden im ganzen Land jeweils am Donnerstagabend, 20 Uhr, Kerzen auf den Fenstersimsen entzündet. Die Menschen sind zum gemeinsamen Gebet eingeladen.
https://www.evref.ch/kerzen-vor-dem-fenster-eks-sbk



- Die heutige Erwachsenenbildung zur ,Wiederkunft des Menschensohnes' mit Pfrn. Christine Dietrich findet virtuell statt. 19:30.




- Unsere Kirchen stehen (noch?) als Räume der Einkehr und des Gebets zur Verfügung. Wir öffnen sie täglich. Öffnungzeiten und alle weiteren Infos und Angebote (Kontakte, Streaming, …) aktuell unter www.erk-bs.ch/kg/kleinbasel/corona_information .






Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Alles was Odem hat

Alles, was Atem hat, lobe den Herrn . Hallelujah.  Psalm 150, 6 9330 Menschen tun das, Stand heute, nicht mehr. Allein in der Schweiz. Allein wegen Covid-19. Am Freitag jährte sich der erste Pandemie-Todesfall in unserem Land. Die Glocken läuteten. Manche hielten inne und sprachen ein Gebet. Ein trauriger Moment in einer nervösen Zeit. ,Atem' steht in vielen Sprachen und Religionen für das Leben selbst. Das Virus, das die Welt ,in Atem hält', nimmt den Menschen tatsächlich diesen. Es greift die Lungen an.  Der Gedanke, dass die Pandemie im gleichen Jahr erschien, als George Floyd mit den Worten 'I can't breathe' unter Polizeigewalt starb, berührt mich jedesmal, wenn er mir kommt. Es begann mit den Buschfeuern in Australien, das unzählige Lebewesen erstickte und Menschen hustend in Seen trieb, um dem gleichen Schicksal zu entgehen. In Brasilien brannten Wälder und Grasland mit viel klareren Ursachen. Und in Californien trieben Feuer und Wind Rauch und Asche tausende ...

Traummaschine

  Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt müssen wir doch feiern und uns freuen. Lukas 15, 31f Vor Weihnachten. Anstehen mit Abstand. In der Freien Strasse lange Schlangen vor dem Louis Vuitton Shop, dem New Yorker und dem Apple Store. Wofür bin ich bereit, wie lange zu warten? Ich reihe mich in die Reihe vor den Fotoautomaten ein. Es stehen gleich mehrere Geräte nebeinander. Man lädt seine Bilder vom Handy oder einem Speichermedium auf den Bildschirm, wählt aus und startet die Bestellung. Und wartet. Im Minutentakt spuckt die Maschine die Bilder aus. Beschleunigen geht nicht. Ein Clique junger Frauen bringt sich selbst auf Weihnachtskarten. Bilder vom Strand und in Abendkleidung. Ein junger Mann war schon an einem Gerät, als ich kam. Und ist es auch noch, als ich gehe. Er scheint Vater geworden zu sein. Das neugeborene Wunder und seine Mutter in allen Varianten. Maria mit Kind 2.2. Wundern so...