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| Ferdinand Hodler, Mädchen mit Mohnblume, 1890, Kunstmuseum Bern |
Heute Nacht habe ich auch die Zeit zwischen 2:30 und 4 Uhr mit dem Virus im Kopf verbracht. Die Stadt lag still. Ich nicht. Gestern sass das Virus bereits in allen Telefonaten, als ich den Hörer abnahm, sass da, als wäre es eine riesige grinsende Giftkröte und kein Mikroorganismus. Die Mails ohne es entlarvten sich bereits durch seine Abwesenheit als Werbung. Und in den wenigen Direktbegegnungen ausser Haus füllte es spielend den wegen ihm gebotenen gebotenen Abstand aus, als wären wir Buchstützen und er ein Stapel Schundhefte. ,Social distancing' für ,viral filling'...
Wehe aber, ich machte Pause und schaltete das Radio an. Oder den Fernseher. Überall nur ES. Und dabei sind das alles noch 'alte' Medien. Von Internet und social media fange ich gar nicht an...
Im Studium habe ich den Begriff ,Ubiquität' gelernt. In der Theologie bezeichnet er die Allgegenwart Gottes, sein Nahesein, durch alles hindurch, über alles hinaus. Es wird zum Beispiel im Abendmahl gefeiert und spürbar. Nun sehe ich, dass man den Begriff auch in der Biologie kennt. ,Das Nichtgebundensein an einen Standort' wird er dort umschrieben. Passt.
Es heisst, die Welle komme erst. Die Infektionswelle. In der Infowelle fürchte ich bereits jetzt zu ersticken. Pausenloses Tosen. Und das kleine Ich ein Kieselstein in einer Gletschermühle. ,Jetzt könne man die Bücher lesen, die man schon lange wollte,' heisst es verlockend. ,Oder sämtliche Haydnsinfonien durchhören.' Doch abgesehen davon, dass das wohl nur für die ohne Kinder und ohne Homeoffice gilt, müsste man zuerst mal runterkommen, den Kopf frei kriegen, um das zu können. Und das Herz.
Was grösser ist als ich, unfassbar, nicht kontrollierbar, droht mich zu überwältigen. Das endlos Weite - total Nahe schnürt mich ein und besetzt mich. Und weil ich so voll vom ganz anderen bin, fühle ich mich so unheimlich leer. (Ein solches Besetztwerden von fremden Mächten nannte man früher ,Besessenheit'.)
Laut Umfragen checken Leute, die bei uns im Büro arbeiten, ihre Mails bis 40 Mal pro Tag. Bei jedem ,Pling' springen die Gedanken aus den Schienen. Mail-Management empfiehlt dringend, täglich 1-2 begrenzte Zeitfenster für die Mails einzuplanen und sie sonst zu lassen.
Aus der klösterlichen Tradition kennt unsere Kirche die Tagzeitengebete. Bestimmte Zeiten am Tag ( 3-7 - je nach Tradition) gehören dem Gebet. Mein Äusseres kommt zur Ruhe. Mein Inneres richtet sich aus und justiert sich wieder an dem, was uns weit übersteigt. In einem streng begrenzten Rahmen. Mit einem Psalm, Lied, Vaterunser, Stille.
Ich nehme mir vor, mich in meinem Infomanagement daran zu orientieren. 3x täglich bringe ich mich auf den neusten Stand. An verlässlicher Quelle. Und dazwischen lasse ich möglichst viel anderes einströmen. Sonne. Musik. Kontakte. Gute Gedanken. Amsellied - wie zB gerade jetzt.
Gut möglich, dass den Nonnen und Mönche früher die Ubiqität Gottes auch zuviel wurde wie mir heute die des Virus. Sie wussten sich gegen diese positive überwältigende Nähe, gegen die Güte und Gnade des Himmels und die Gaben und Aufgaben, die damit verbunden waren, kaum zu wehren. ,Beten ohne Unterlass!' überfordert. Statt zuviel des Unguten, wie heute, zuviel des Guten. Also richteten sie die Tagzeitengebete ein. Nicht, um das Gute einzudämmen, sondern um seine Wirkung zu bewahren. Und alles bekam seinen Platz. Das Grenzelose und das Rüeblibeet. Das Herzens- und das Handgebet.
Online braucht Offline, sonst ist es nur noch ,line' - eine Leine, die sich um den Hals legt und mich dahin und dorthin zerrt.
Ich freue mich, wenn Ihr heute bei der Ökumenischen Lichteraktion dabei seid (s.u.). Tagzeitengebet ökumenisch landesweit.
Es liegt im Stillesein eine
wunderbare Macht der Klärung,
der Reinigung, der Sammlung
auf das Wesentliche. Dietrich Bonhoeffer
Ich wünsche Euch einen guten Rhythmus und eine ruhige Mitte.
Philipp Roth
Hinweise:
- Ökumenische Aktion ,Ein Lichtermeer entzünden': Die evangelisch-reformierte und die römisch-katholischen Kirche setzen ein Zeichen der Verbundenheit, Gemeinschaft und Hoffnung. Bis Gründonnerstag werden im ganzen Land jeweils am Donnerstagabend, 20 Uhr, Kerzen auf den Fenstersimsen entzündet. Die Menschen sind zum gemeinsamen Gebet eingeladen.
https://www.evref.ch/kerzen-vor-dem-fenster-eks-sbk
- Die heutige Erwachsenenbildung zur ,Wiederkunft des Menschensohnes' mit Pfrn. Christine Dietrich findet virtuell statt. 19:30.

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