Direkt zum Hauptbereich

Wachstumsstörung

Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht. (Ref Gesangbuch 699) 

Sie steht immer da, wenn ich komme. Neben ihrer Zwillingsschwester. Schaut über das Land und atmet im Jahreskreis ihre Blätter und Früchte. Auch diesmal besuche ich die Linde. Das frische Laub punktiert die Äste erst. Tausendfache Entfaltung im Gang. Vielleicht fällt mir deshalb die Geschwulst mitten im Stamm besonders ins Auge. Eine schrundige dunkle platte Holznase, um welche die Rippen in der Rinde wie kleine Lavaströme nach oben fliessen. Irgendetwas muss da mal geschehen sein. Ein Blitzschlag. Ein Fremdkörper. Eine Wachstumsstörung. 

Ende 2019 haben wir in unserer Kirchgemeinde für das laufende Jahr das Thema ,Wie ein Baum' gesetzt. In den letzten Wochen wurde das zwangsläufig durch das Thema ,Mit einem Virus' abgelöst. Nun stehe ich vor dem Baum und frage mich, was er mir sagt.

Bäume können Fremdkörper und Eingriffe von aussen weder abschütteln noch abstossen. Ihre einzige Möglichkeit: das neue Fremde in sich einverleiben. Wenn der Fremdkörper nicht mehr oberflächlich, sonderen innerlich wird, behindert er ihre Wachstumsschicht nicht mehr. 

Das Wachstum des Baumes findet zwischen Holz und Rinde statt. Damit das Holz nicht zu lange dem Angriff von Wind und Wetter, Pilzen und Bakterien ausgesetzt ist, bildet diese Schicht (Kambium) ein undifferenziertes Gewebe (Kallus), das sich als Wulst von den Seiten her über die Verletzung oder den Fremdkörper schiebt und diese einschliesst. Nach vollendeter Intergration wächst der Baum über und mit der ,Störung' weiter. Sie ist Teil von ihm geworden.

Nichts unterscheidet die Linde sosehr von ihrer Schwester, wie die Unreinheit mitten im Hauptstamm. Sie scheint dadurch nur noch kräftiger geworden. Sollte sie mal gefällt werden, stelle ich mir vor, dass die Säge gerade bei diesem Merk-Mal besonders aufschreit. So fest wie hier ist das Holz nirgends.

Wie werden sich diese Monate mal in meinem, in unserem Stamm zeigen? frage ich mich. Ich lehne mich an den Stamm. Die Holznase drückt sich unangenehm zwischen die Schulterblätter.

Im Schwarzwald hat eine Buche einen Christus aus Stein eingewachsen. Bevor auch sein Gesicht verschwand, schnitt man ein Herz ins Holz. Nun schaut Christus aus dem Baum heraus.

,Wie ein Baum...'

Philipp Roth

E-Church:
Morgen Sonntag, 3. Mai, 10:00, feiern wir einen Gottesdienst für GROSS & klein
,Guet treit'  aus der Theodorskirche
mit Nicoleta Paraschivescu, Ana Arnaz, Musik; Eisabeth Wenk, Freya Klantschitsch, Lesung & Gebet; stud. theol. Mike Koch & Pfarrer Philipp Roth, Liturgie & Predigt; Susanne Vitoux, Raum; Produktion: Rudolf Steiner


Sämtliche bisherigen Gottesdienste, THEODORli, Taizé-Gebete, Kirchnefenster etc. finden sich auf unserem Youtube-Kanal der Kirchgemeinde Kleinbasel.

-> Die Gottesdienste können auch beim Sekretariat auf USB bezogen und auf dem TV geschaut werden. Ein Angebot für alle, die nicht Online sind: Senior*innen, Nachbarn, Eltern... Bitte mithelfen! 061 681 37 88 / eveline.michel@erk-bs.ch


Einander im Ohr: Mit unserer Playlist kann man hören, was andere dieser Tage hören. Und es hat noch Platz für weitere Stücke der Stunde. Durchgeben an philipp.roth@erk-bs.ch


Alle Infos, Kontaktdaten und Angebote der Kirchgemeinde immer aktuell hier.








Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Familie in Zeiten der Quarantäne (Gastbeitrag Sabine Mäurer)

Sabine Mäurer sitzt gerade an ihrer Masterarbeit in Theologie über eine Jesusgeschichte, die auch die Familie thematisiert. Sabine Mäurer ist Mitglied unserer Kirchgemeinde. E r zeigte mit seiner Hand auf seine Jünger und sagte: Das sind meine Mutter und meine Brüder (und meine Schwestern). Matthäus 12, 49 Was mich in diesen Tagen beschäftigt? Schon vier Wochen bevor der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" verordnet hat, befinde ich mich in einer "persönlich ausserordentlichen Lage": Ich nenne sie meine "Schreibtisch-Quarantäne". Meine Abschlussarbeit ist der Grund dafür: Ein kleiner Passus im Matthäusevangelium (Mt 12,46-50) mit der Überschrift " Jesu wahre Familie" beschäftigt mich. Ehrlich gesagt, beisse ich mir ein wenig die Zähne daran aus. Aber Stopp: In der Quarantäne – nicht jammern, positiv nach vorne schauen. Das lässt der Astronaut Alexander Gerst in den social media verlauten. Er sollte Bescheid wissen, hat er doch All-Ein...

Badehosenzeit

Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!  1.Korinther 11, 23 Ich kann gut damit leben, dass es in diesem Jahr keine Strandferien gibt. Meine Sache war die Fleischschau nie. Doch was erlaubt mehr, einfach mal Körper zu sein? Ich habe das Bild vor Augen, wie die Briten den Strand von Brighton stürmten. Strandsardinen statt social distancing. ,Als hätte es Corona nie gegeben,’ titeln die Zeitungen. Ich denke: ,Als hätte Corona alle ausgehungert.’ Man muss einander mal wieder spüren. Man muss sich mal wieder spüren. Wir sind nicht virtuell. Sommerferien sind Körperferien. Mit den Konfirmand*innen 21 besuchen wir den Seilpark in Lörrach. Turnen, Klettern, Lachen, Kreischen. Menschsein mit Haut und Haar. Am Tag darauf sitzen wir vor dem Isenheimer Altar in Colmar. Der Gekreuzigte als reiner Körper – totes Fleisch, drastisch zur Schau gestellt. Links des Toten verzweifeln Maria, Johannes und Maria Magdalena. Rechts zeigt der lange Finger Johannes’ des Täufers a...

Das Jahr magischen Denkens

Und Jesus fragte die Jünger : »Warum habt ihr solche Angst? Wo ist euer Glaube ?« Markus 4, 40 Am 25. Dezember 2003 wird Quintana Roo Dunne Michael auf die Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses eingeliefert. Die Symptome einer Grippe weiten sich rasch zu einer Lungenentzündung und einem septischen Schock aus. Die Eltern bangen um ihr Leben. Am 30. Dezember 2003, kaum vom Besuch im Spital zurück, erleidet der Vater von Quintana einen Herzinfarkt und stirbt.  Zwei Jahre später erscheint 'Das Jahr magischen Denkens' (The Year of Magical Thinking). Darin beschreibt die bereits in den 70-er Jahren durch ihre Essays bekannt gewordene Schrifststellerin Joan Didion die Trauer um ihren Mann und die Sorge um ihre Tochter. Die leere Wohnung nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens, die endlosen Gedankenketten und Achterbahnfahrten des Gefühls, sie verdichten sich  immer wieder zur Einbildung, sie hätte ihren Mann retten können und müssen. Indem sie alles so belässt, dass für den Tot...